Es ist und bleibt ein Skandal: Noch immer sterben jeden Tag 25 000 Menschen, vor allem Kinder, an Hunger und Unterernährung. Und von sieben Milliarden Menschen hat eine Milliarde nicht genug zu essen. Können wir gleichgültig bleiben angesichts dieser tagtäglichen, flagranten Verletzung der fundamentalen Menschenrechte all dieser Personen, des Rechts auf Leben und des Rechts auf Ernährung?

Doch das Welternährungssystem hat noch andere Schwächen: Zwei Milliarden leiden an Mikronährstoffmangel – sie haben zu wenig Vitamine, Jod und Eisen – und 1,4 Milliarden an Übergewicht und Fettleibigkeit.

Muss also auf unserem Planeten die Getreideproduktion erhöht werden, wie viele behaupten, auch von Seiten der Konzerne und der Agrarindustrie? Umso mehr die Weltbevölkerung ja noch dauernd zunimmt? Nein, denn nur 40 Prozent der Getreideproduktion wird für menschliche Ernährung benutzt. Der größere Teil wird verwendet für Viehfutter–meist als Soja und Sojaschrott aus den USA und Lateinamerika – oder für Treibstoff für unsere Autos.

Dieser Soja wird unter nicht nachhaltigen Bedingungen produziert: Umfällen von riesigen Flächen von Tropenwäldern, Umstellung von Pampawiesen, Anbau von Monokulturen verbunden mit enormen Treibhausgasemissionen, verstärkt noch durch massiven Pestizideinsatz. Hinzu kommt ein hoher Gebrauch von GMO-Saatgut. Es ist also unbedingt notwendig, unseren hohen Fleischkonsum zu überdenken.

Erstes Fazit : Hunger ist also nicht so sehr ein Problem der Produktion von Lebensmitteln, sondern der Verteilung und der Kaufkraft.

Wer leidet am meisten an Hunger und Unterernährung? Sind es diejenigen, die in den Elendsviertel und Slums der Großstädte leben? Ja, aber das ist nur eine Minderheit. Drei Viertel der Hungernden sind bei der Landbevölkerung anzutreffen, hauptsächlich bei Kleinbauern, sowie bei Land- und Waldarbeitern, Landlosen und kleinen Fischern.

Trotz schneller Urbanisierung, ist die Landbevölkerung noch immer in den meisten Entwicklungsländern sehr groß, vor allem in Südsahara Afrika aber auch in Ländern wie Indien oder China.

Diese Kleinbauern wirtschaften in denkbar einfachen Verhältnissen. Ihre Betriebe sind nur ein oder zwei Hektar groß. Die Mehrheit verfügt lediglich über eine Hacke und ein Messer. Und es sind die Frauen, die den größten Teil der Feldarbeit verrichten.

Die Ursachen sind vielfältig. Wie in Indien haben viele keinen Zugang zu Land und müssen ihr Leben als Landarbeiter für Hungerlöhne im Dienst von Großgrundbesitzer verdienen. Eine Lösung kann nur über eine Landreform erfolgen, wie das in China, Südkorea oder Taiwan der Fall war. Und die Flächen, über die Kleinbauern verfügen, werden dauernd verkleinert durch Landgrabbing und Bodenspekulation durch Großbanken, Investmentfonds und transnationale Unternehmen.

Die Regierungen in den Entwicklungsländern müssten der Landwirtschaft in ihren Entwicklungsbemühungen eine viel höhere Bedeutung zukommen lassen. Zu oft haben die Stadteliten die Landbevölkerung einfach ignoriert, wenn sie ihnen nicht noch Steuern abverlangt haben.

Aber auch die Regierungen der reichen Länder haben in ihrer Entwicklungspolitik die Landwirtschaft im Süden vernachlässigt. Der Anteil der Entwicklungshilfe für Landwirtschaft ging von 20 auf 4 Prozent zwischen 1980 und 2004 zurück. Trotz der Welternährungskrise in 2008 werden heute immer nur knappe 5 Prozent zu diesem Zweck ausgegeben. Dieser Anteil ist unbedingt zu erhöhen.

Eine doppelzüngige Freihandelspolitik

Während Jahrzehnten haben die Europäer wie auch die Amerikaner die Entwicklungsländer, besonders diejenigen aus Afrika, dazu gebracht, ihre Märkte zu öffnen. Diese Freihandelspolitik hat die Einkommen der Regierungen durch das Herabsetzen der Zölle vermindert und sie genötigt, ihre Erziehungs- Gesundheits- und Entwicklungsprogramme zu drosseln. Diese Marktöffnung erlaubte uns Europäer, unsere Agrar- und Nahrungsmittelprodukte dort immer stärker zu Dumpingpreisen auf die Märkte zu bringen und somit die Kleinbauern ins Abseits zu drängen und mit ihren Familien in den Ruin zu treiben. Wir haben zu gleicher Zeit unsere europäischen Märkte für Milch- und Fleischprodukte, für Getreide und Zucker mit hohen Zöllen weiter geschützt.

Diese  doppelzüngige Politik wird jetzt noch dadurch verschärft, dass die EU Afrika neue Freihandelsabkommen abgerungen hat, die sogenannten wirtschaftlichen Partnerschaftsabkommen. Ein Bericht, die CONCORD, die Plattform der europäischen NGO’s, ausgearbeitet hat, stellt klar, dass diese Abkommen in keiner Weise zur Entwicklung beitragen werden, nur unseren Nahrungsmittelkonzernen helfen und sich vollkommen im Gegensatz zur Kohärenz der Politik befinden (Artikel 208 des Lissaboner Vertrages). Er rät davon ab, diese Verträge zu ratifizieren.

Ist es verwunderlich, dass sich immer mehr Afrikaner in ihrer Armutslage und Perspektivlosigkeit auf den Weg nach Europa über den Weg nach Lampedusa machen? Viele werden dabei ausgebeutet und verlieren ihr Leben.

Was tun?

Unser „Cercle des ONG“ fordert, dass sich unsere Regierung auch mit diesen Migrationsursachen auseinandersetzt und sich auf der Suche nach Lösungen zu folgendem engagiert:

  • Die Produktionskapazitäten in allen wirtschaftlichen Sektoren in Afrika begünstigen, vor allem in der Landwirtschaft und in der Industrie, so dass eine Vielzahl von Arbeitsplätzen enstehen und dezente Einkommen für die Bevölkerung sowie gerechte Preise für die Produzenten ermöglicht werden.
  •  Die europäische Zusammenarbeits-, Handels- und Landwirtschaftspolitik neu definieren, die den enormen Unterschieden in Entwicklung und Produktivität mit den Entwicklungsländern Rechnung trägt und die ihre Handelsbeziehungen auf das Prinzip der Nicht-Gegenseitigkeit und eine angemessene Regulierung der Märkte basiert. Kleinproduzenten müssen so geschützt werden können.
  • Die Ratifizierung der wirtschaftlichen Partnerschaftsabkommen zurückstellt und eine Studie dieser Abkommen durchführen lässt, die die Auswirkungen dieser Verträge für Entwicklung und Menschenrechte prüft in Zusammenarbeit mit allen Betroffenen.

Auf dem Gipfel der Staats- und Regierungschefs, der vor einigen Wochen in New York über die Bühne ging, wurde eine neue Agenda der nachhaltigen Entwicklungsziele vereinbart.

Ziel zwei gibt sich mit dem Problem der Armut und des Hungers ab. Recht sinnvoll ist, wenn hierbei auf die Notwendigkeit einer nachhaltigen Landwirtschaft gepocht wird. Dass bis 2030, die landwirtschaftliche Produktivität und das Einkommen der Kleinproduzenten verdoppelt werden soll, besonders für Frauen, indigene Völker, bäuerliche Familien, Viehhirten und Fischer. Und das über einen sicheren und gerechten Zugang zu Land und zu anderen produktiven Ressourcen, zu Wissen, finanziellen Dienstleistungen und zu Möglichkeiten in der Wertschöpfung.

Verstärkte Investitionen, auch durch größere internationale Zusammenarbeit, in Infrastruktur, landwirtschaftliche Forschung und dem Aufbau von Saatgutbanken werden als Unterziele aufgeführt. Ebenso Maßnahmen, die die Bauern vor der Belastung von Umweltschäden und des Klimawandels schützen sollen. Die Rolle der Landwirtschaft in dem Erhalten der Diversität von Saatgut und Haustieren wird hervorgehoben.

Das zweite der siebzehn Ziele will die Armut und den Hunger bis 2030 beendigen. Ein lobenswertes Ziel, das sich aber bei der heutigen Freihandelslogik als völlig unrealistisch erweist. Denn die Agenda besteht weiter auf einem „offenen“ Markt, d.h. es bleibt bei der Logik des weltweiten Freihandels. Dies wird die Kleinbauern der Konkurrenz gegen Konzerne und Dumpingimporte weiter ausliefern und zu einer fortlaufenden Verarmung verurteilen.

Jean Feyder,

Autor von Mordshunger